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Ein Wink mit dem Zaunpfahl

02. März 2010

Private Architektur im öffentlichen Raum

von Elke Krasny, Christian Rapp

Wir alle wohnen - meist, ohne weiter darüber nachzudenken.
Vielfältigen Bedürfnissen und unterschiedlichsten Tätigkeiten müssen die Räume, in denen wir leben, genügen. Wir richten uns in ihnen ein, kommen mit ihnen zurecht, und irgendwann denken wir nicht mehr weiter über sie nach.

Wohnen erscheint als Selbstverständlichkeit.
Wir setzen uns zumeist nur dann damit auseinander, wenn uns etwas stört, wenn wir uns zu Veränderungen oder einem Neubau entschließen.

Wohnen befindet sich um empfindlichen Schnittpunkt zwischen öffentlichen und privaten Interessen.
Funktionale und ästhetische Ansprüche, ökologische Erfordernisse und ökonomische Bedingungen, individuelle Selbstverwirklichung und kollektive Standards, private Rückzugsmöglichkeit und infrastrukturelle Versorgung durch die Kommunen müssen berücksichtigt werden. All das macht das "Einfamilienhaus" zur Herausforderung für Architekten und Bewohner.

Das größte Problem des Einfamilienhauses ist sein Erfolg.
Einfamilienhäuser gelten als mit Abstand populärste Wohnform, werden mit enormen Aufwand von der Bauindustrie und von Finanzinstituten beworben und verkörpern gängige Wunschvorstellungen vom Wohnen. Sie sind aber eine äußerst problematische Wohnform, die Flächen frißt, Ressourcen verschlingt, ganze Landstriche zerstört. Das und nicht nur das haben Einfamilienhäuser mit dem Auto gemeinsam.

Während sich die Autoindustrie über umweltverträglichere, kompaktere Produkte Gedanken macht, sind wir im Hausbau immer noch mit "amerikanischen Straßenkreuzern," unterwegs.

Der private Wunsch nach einem Garten mit eigenem Haus, um das man herumgehen kann, steht einem gesellschaftlich notwendigen Umdenken entgegen.
Hinterfragt man den Typus des Wohnhauses in gesellschaftlicher, raumplanerischer und ökologischer Hinsicht, so ist absehbar, daß die heute gängige Vorstellung vom Einfamilienhaus als idealer Wohnform in Zukunft nicht fortsetzbar ist. Die bisherige Praxis einer mehr oder weniger ziellosen Verbauung von Stadtrand und Landschaft stößt an ihre Grenzen. Gerade das, wonach man mit dem eigenen Haus im Grünen so begehrlich sucht, wird durch die uneingeschränkte Verwirklichung auch schon zerstört.

Die neuen Siedler werden von der Zersiedelung eingeholt, an der sie selbst beteiligt waren. Ein Haus bleibt selten allein.
Würde sich jeder Österreicher seinen Wunsch erfüllen und ein Haus errichten, wäre in kürzester Zeit die gesamte Fläche des Landes verbaut - privater Traum kippt in den kollektiven Alptraum.
Mit dem Bau eines Hauses oder einer Siedlung übernimmt man als privater Bauherr oder Bauträger Verantwortung den einzelnen und den Kommunen gegenüber. Architektur hat die Aufgabe, diese Verantwortung in Gebautes umzusetzen.

Drehen sich die Häuser um uns oder drehen wir uns um die Häuser? Mario Merz 1997
Ein Haus ist immer mehr als ein Haus. Es verkörpert den Entwurf und die Umsetzung persönlicher Lebensformen. Man spricht von Wohn- und Baukultur: Der weite Begriff Kultur umfaßt eine Fülle von Elementen - den Stand der technischen Entwicklung, Soziales und Politik, den Umgang mit Stadt und Landschaft, Geschichte und Tradition. Architektur als gebaute Form nimmt diese Elemente der Kultur auf, übersetzt sie und ist im besten Falle so flexibel, daß es sich in ihr leben läßt.

Ein Haus muß in der Lage sein, mit seinen Bewohnern weiterzuleben.
Das Haus als raum-zeitliche Erfahrung muß kommunizieren, mit seinen Bewohnern, mit anderen Häusern, mit der umgebenden Stadt, mit der Landschaft, mit der (Architektur-)Geschichte. Die Hülle des Hauses muß sich folglich nach innen und nach außen lesen lassen, sie muß die Wohnbedürfnisse befriedigen und sich nach außen öffnen. Sie muß das Sonnenlicht und die Umgebung aufnehmen. Durch geplante Lichtführung und Einbeziehung des umgebenden Grundstücks öffnet sich ein Gebäude von innen nach außen und von außen nach innen: es kommuniziert. Es geht um Verhältnisse und um Zwischenzustände, nicht um Statik, sondern um Veränderung.

Wohnen will gelernt sein.
Entwurf und Planung sind eine Gemeinschaftsarbeit von Architekten und Bauherren. Wichtigste Voraussetzung ist das Finden einer gemeinsamen Gesprächsbasis, in vielen Fällen ein Lernprozeß auf beiden Seiten: für "architektonische Laien", die sich ein Haus bauen lassen wollen, und Architekten, die vor der Aufgabe stehen, ihre Sprache der Pläne, Skizzen und Modelle, manchmal auch ihren Fachjargon, in allgemein verständliche Worte zu übersetzen. Die Schwierigkeit besteht darin, zukünftige Räume und ihre Qualitäten sowie die zum Einsatz kommenden Materialien plastisch vor den Augen der Auftraggeber entstehen zu lassen. Werden alternative Möglichkeiten zu gängigen Grundrissen entwickelt, so müssen deren Funktion und Vorteile erst erläutert werden. Die innere Ordnung der Räume ist wesentlichster Bestandteil des Lebensspielraums, den man in seinen Häusern erfährt. Werden aus ökologischen und gestalterischen Gründen unterschiedliche Baumaterialien gewählt, so wird deren Nutzen und Wirkung erklärt. Verblüffend einfache Lösungen, wie die Orientierung eines Hauses auf einem Grundstück, um dem Lauf des Sonnenlichts zu folgen, um eine Beziehung zwischen Haus und Garten herzustellen, werden erst entwickelt und damit nachvollziehbar.

Der gemeinsame Weg von Architekten und Bewohnern besteht aus einer Fülle von Einzelleistungen.
Wechselseitiges Kennenlernen, Verstehen und psychologisches Einfühlungsvermögen sind oft genauso wichtig wie planerische Kompetenz. Das was entsteht, muß offen genug sein, daß die Bauherren damit tun können, was ihren individuellen Neigungen entspricht.

Wo haben wir Wohnen und Beschreiben von Räumen gelernt?
Häufig weiß man sehr genau, was man nicht will - was man eigentlich will, ist nicht in demselben Ausmaß formulierbar. Neue Räume eröffnen sich nur durch einen Lernprozeß. Nicht nur die Planungszeit ist oft lang, auch die Bauzeit verlängert sich durch neue Technologien, durch bauphysikalische und ökologische Erfordernisse.
Entschließt man sich zum Bau eines Hauses, so heißt dies meistens "lebenslänglich", positiv formuliert hat man unter vielen Lebenslaufgaben eine weitere gefunden.

Niemand steht eines Montags auf, um das Einfamilienhaus neu zu erfinden.
Alles ist immer schon einmal dagewesen. Worauf es ankommt, ist die richtige Dosierung. Es geht also um die geschickte und intelligente Bearbeitung eines Fundus. Und dennoch: von zwei Seiten ändern sich die Ansprüche. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen und damit auch das Wohnen im privaten Bereich (zumeist wohnt man ja fast 50% seiner Lebenszeit nicht zu Hause, sondern dort, wo man arbeitet) ändern sich. Neue Technologien, die die Trennung von Privat- und Arbeitsraum aufweichen, und sich verändernde soziale Strukturen verlangen neue Wohnentwürfe, die Entwicklung von flexiblen Raumstrukturen und variablen Bespielungsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite gibt es volkswirtschaftliche Ansprüche an die Architektur: ökonomische und ökologische. Gerade die ökologische Herausforderung besteht auch in der Entwicklung einer Formensprache, der "Bio" und "Müsli" nicht von der Fassade abzulesen sind. Als Planender ist man oft in der Zwickmühle zwischen regional einengenden Bauvorschriften und privaten Wünschen, die sich aus vorgefundenen Idealbildern vom Haus speisen.

Wie man baut, so lebt man.
Mit dem Haus, das man sich "leistet", tritt man auch nach außen, man wird identifizierbar. Die Nachbarn wissen, woher man kommt, wenn man am Morgen zur Arbeit aufbricht. Leistet man sich das Wagnis, anders zu bauen, unkonventionell, nicht standardisiert, abweichend vom Rundherum, so muß man auch die Reaktionen der Nachbarn aushalten. Man übernimmt in gewisser Weise die Rolle eines lebenden Architekturvermittlers.

Warum lernen es die Leute nicht, in den fensterlosen Kugeln von Ledoux oder in den reinen Glasprismen von Mies von der Rohe zu wohnen? Nein, sie brauchen einen Ort, an dem der Filius Klavier übt, während die Mama mit den Nachbarinnen Bridge spielt.
Philip Johnson 1953

Das Verhältnis zwischen Architekten und möglichen zukünftigen Bauherren ist nicht immer vorurteilsfrei: Der Bauherr befürchtet die künstlerische Selbstverwirklichung des Architekten, die den eigenen Wünschen entgegensteht; der Bauherr befürchtet, in Räumen leben zu müssen, vor denen immer ein Architekturphotograph lauert; er befürchtet, daß es mehr Geld kostet, als wenn er die Sache selber in die Hand nimmt.

Die Beispiele der Ausstellung "Von Haus zu Haus" zeigen, daß planerische Kompetenz und Kreativität von Architekten zu funktionalen und ökonomischen Lösungen führen.
Dem vagen Gefühl, daß man von seinen eigenen Absichten etwas verliert, wenn man mit einem Architekten baut, wird mit den neunzehn ausgewählten Beispielen entgegengesetzt, daß sehr wohl diesen Absichten entsprochen werden kann.

Die meisten der gezeigten Bauten wurden für Familien mit durchschnittlichem Einkommen und ohne besondere architektonische Ansprüche errichtet.
Was die Bauherren allerdings auszeichnet, ist ihre Neugier und ihr Mut, ihre Bedürfnisse selbst zu bestimmen, sich nicht von Bildern der Werbung leiten zu lassen und sich auf unkonventionelle Lösungen einzulassen. Solche Beispiele sind leider wenige Einzelfälle.

Stellen wir uns eine Ethnologin aus Burkina Faso vor, die in Ostösterreich das Wohnen erforscht.
Was wird sie sehen? Wenn wir uns vorstellen, wie sie sieht, sehen wir vielleicht klarer, was wir aus Gewohnheit nicht mehr wahrnehmen. Da es für sie nicht immer möglich ist, alle Häuser auch von innen zu besichtigen, fällt ihr Auge auf das äußere Erscheinungsbild. Sie sieht Fassaden, Dachformen, Erker, Giebel, Materialien, Farben und große und kleine Grundstücke.

Der Bau eines privaten Heims hat öffentliche Folgen: man konfrontiert die anderen mit seinem Raum- und Gestaltungsanspruch.
Die Bilder vom Gebauten entwickeln sich durch das, was man sieht, was die Landschaft und die Umgebung prägt. Das Vorhandene ist jedoch nicht die einzige Quelle der Inspiration für zukünftige Hausbesitzer: viel mehr noch haben mediale Räume ihren fixen Ort in der Vorstellungswelt gefunden: Von "Dallas" bis zur "Schwarzwaldklinik", von der Jotto-Toto"Werbung über die "Blaue Lagune" bis zu "Schöner Wohnen" werden wir mit stereotypen Gestaltungsformeln abgespeist.

Es ist nicht das Innere der Häuser, das sich uns erschließt, vielmehr ihre Gesichter, die sich uns einprägen und nachgebaut werden.
Wie das Haus aussieht, scheint wichtiger als die Benutzbarkeit. Die lebensgeschichtlichen Prägungen und die medialen Einflüsse spielen beim Hausbauen und Wohnen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Standardisierung des alltäglichen Lebens findet sich wieder in den Ansprüchen der einzelnen Bauherren.

Ist das Gesuchte vorgefertigt noch Katalog lieferbar, so werden die Wünsche vielleicht nicht ganz befriedigt, aber die Anstrengungen der Planung minimiert.
Nur mit Mühe können eingeborene Informanten unserer afrikanischen Ethnologin für ihre Feldforschung Tips geben, wo sie gute Architektur finden kann.
Serielle Produktionsmöglichkeiten und neue Bautechnologien gehen nicht immer mit einer funktionalen und ästhetischen Gestaltung Hand in Hand.

Zwar haben sich heute industrielle Herstellungsweisen durchgesetzt, allerdings häufig nicht so, wie sich die Architekten der Moderne das dachten, sondern eher so, wie sich Walt Disney oder Ludwig 11 das erträumt haben könnten.
Stilklitterungen und wilde Zitatmischungen aus einem architekturgeschichtlichen Fundus verwandeln Häuser in austauschbare Medienfassaden. Vorbilder wie Jagdhütten oder toskanische Villen werden über standardisierte Konstruktionen und Grundrisse gestülpt. Grelle Farben und kitschige Accessoires überdecken gestalterische Mängel.

Je dürftiger das planerische Bewußtsein, desto üppiger das Dekor.
Bedenklicher noch als die Lederhosen-, Alpinhut- und Pizzeriaarchitektur an sich ist die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausdehnt.

Siedlungsgebiete ohne identifizierbare Kerne und infrastrukturelle Ausstattung, wachsende Verkehrsflächen und Gewerbezonen lassen eine Verödung zurück, dergegenüber die klassischen großstädtischen Zentren bereits romantisch und intim erscheinen.
Prognosen wie die der Raumordnungskonferenz von 1996 schätzen bei gleichbleibendem Trend zu neuen Eigenheimen den Bedarf an Bauland allein in Niederösterreich auf ca. 11.000 ha bzw. 150.000 neuen Wohneinheiten bis zum Jahr 2011. Für Raumplaner und Städtebauer ist das Einfamilienhaus dabei das eigentliche Sorgenkind.

In besonders betroffenen Regionen, wie in Südtirol, ist der Bau von Einfamilienhäusern mittlerweile untersagt.
Ostösterreich ist von einer solchen Entscheidung noch weit entfernt. Es ist bemerkenswert, daß hier die um sich greifende Verbauung mit einem so bescheidenen architektonischen Niveau Hand in Hand geht. Das Ergebnis ist landauf, landab sichtbar: eine Verhüttelung fürs Auge, eine Zersiedelung für die Landschaft.

Wie es sein könnte: Raum- und Städteplaner arbeiten daran', flächenschonende Siedlungskonzepte und Bebauungspläne durchzusetzen.
Gleichermaßen sind Architekten gefragt, Siedlungen zu entwickeln, die sowohl für die einzelnen Bewohner als auch städtebaulich gut funktionieren. Da Energie- und Flächenressourcen gesamtgesellschaftlich nicht unendlich zur Verfügung stehen, müssen neue, dichte Siedlungsformen entwickelt werden, die ihren Bewohnen genau die Wohnqualität bieten, die man im "klassischen" Einfamilienhaus zu finden vermeint.
Ein politisches und gesellschaftliches Umdenken ist notwendig, um der voranschreitenden Verhüttelung und Zersiedelung entgegenzuwirken.
Wir wünschen uns, daß die Diskussionen über den kontroversiellen Bautyp Einfamilienhaus herausfordert werden und sich das notwendige Gespräch zwischen Architekten, Raumplanern, Politikern, Behörden und Bauherren intensiviert.


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